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Frankfurter Erklärung
zur Rechtschreibreform

Nach Erscheinen des neuen Duden und nach den ersten Erfahrungen in den Schulen ist es endlich möglich, den Inhalt der vorgeschlagenen Rechtschreibreform genauer zu analysieren, ihre Folgen für die deutsche Sprache und Literatur, für den Deutschunterricht im In- und Ausland, für unsere Jugend und für uns alle zu ermessen und die ungeheuren Kosten abzuschätzen, die dieser Vorschlag, wenn er tatsächlich durchgeführt würde, verursachen wird.

In Anbetracht der schwierigen wirtschaftlichen Lage darf eine Reform, die in den meisten Punkten keineswegs notwendig ist, in vielem sogar eine Verschlechterung bedeutet und - abgesehen von der ss-Regelung - nur etwa 0,05 Prozent eines durchschnittlichen Textes betreffen würde, auf keinen Fall dazu führen, daß alle Schulbücher, die meisten Lexika, Kinder- und Jugendbücher und in der Folge auch literarische Bücher neu gedruckt (und zugleich alte verramscht oder makuliert und "entsorgt") werden müssen.

Anläßlich der Frankfurter Buchmesse 1996 bitten die unterzeichneten Germanisten, Pädagogen, Schüler und Studenten, Schriftsteller, Bibliothekare, Archivare und Historiker, Verleger, Buchhändler, Journalisten und Liebhaber der deutschen Sprache und Literatur die verantwortlichen Politiker in Deutschland, in Österreich und in der Schweiz, diese von einer kleinen, weitgehend anonymen Expertengruppe vorgeschlagene Rechtschreibreform, deren Einführung Millionen von Arbeitsstunden vergeuden, jahrzehntelange Verwirrung stiften, dem Ansehen der deutschen Sprache und Literatur im In- und Ausland schaden und mehrere Milliarden DM kosten würde, die wenigen zugutekommen würden und von uns allen zu tragen wären, umgehend zu stoppen und bei der bisherigen Rechtschreibung zu bleiben.

Frankfurt am Main, den 6. Oktober 1996


Die Erklärung haben u. a. unterzeichnet:

Ilse Aichinger, Schriftstellerin; Prof. Dr. Ingrid Bachr, Schriftstellerin; Wolfgang Balk, Verleger, Deutscher Taschenbuch Verlag; Prof. Dr. Reinhard Baumgart, Schriftsteller; Hans Bender, Schriftsteller; Prof. Dr. Dieter Borchmeyer, Germanist, Heidelberg; Dr. Karl Corino, Schriftsteller; Werner Dausien, Verleger, Hanau; Friedrich Denk, Deutschlehrer, Weilheim i. OB; Prof. Dr. Eberhard Dünninger, Germanist und Bibliothekar, Regensburg/ München; Ota Filip, Schriftsteller; Prof. Dietrich Fischer-Dieskau, Kammersänger; Prof. Dr. Helmut Flashar, Graezist, München; Dr. Walter Flemmer, Leiter der Kulturabteilung des Bayerischen Fernsehens; Dr. Herbert Franke, Sinologe, Gauting; Prof. Dr. Heinrich Fries, Theologe, München; Prof. Dr. Wolfgang Frühwald, Germanist, Universität München; Prof. Dr. Horst Fuhrmann, Historiker; Gertrud Fussenegger, Schriftstellerin; Prof. Dr. Bernhard Gajek, Germanist, Regensburg; Prof. Dr. Alexander Giese, Präsident des österreichischen PEN-Clubs; Günter Grass, Schriftsteller; Ulla Hahn, Schriftstellerin; Ludwig Harig, Schriftsteller; Peter Härtling, Schriftsteller; Prof. Dr. Herbert Heckmann, Schriftsteller, Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Darmstadt; Eckhard Henscheid, Schriftsteller; Prof. Dr. Kurt Hübner, Philosoph, Kiel; Thomas Hürlimann, Schriftsteller, z.Zt. Dartmouth College, New Hampshire; Thomas Jaworek, Diplom-Chemiker, Mainz; Dr. Jochen Jung, Verleger, Residenz-Verlag, Salzburg; Prof. Dr. Joachim Kaiser, Schriftsteller; Prof. Dr. Friedhelm Kemp, Schriftsteller, München; Walter Kempowski, Schriftsteller; Prof. Dr. Herbert Kessler, Präsident der Humboldt-Gesellschaft, Mannheim; Prof. Dr. Helmut Kiesel, Germanist, Heidelberg; Wulf Kirsten, Schriftsteller, Weimar; Barbara Koenig, Schriftstellerin; Guenter Kunert, Schriftsteller; Helga Künzel, Übersetzerin, Puchheim; Root Leeb, Künstlerin, Kirchheimbolanden; Hermann Lenz, Schriftsteller; Siegfried Lenz, Schriftsteller; Ernst-Dieter Lueg, Publizist; Prof. Dr. Wolfgang Martens, Germanist, Murnau; Stefan Moses, Fotograf, München; Prof. Dr. Walter Mueller-Seidel, Germanist, München; Prof. Dr. Anton Neuhäusler, Philosoph, München; Dr. Hans F. Nöhbauer, Historiker, München; Prof. Dr. Hans Pörnbacher, Germanist, Wildsteig; Dr. Karl Pörnbacher, Germanist, Sachsenried; Dr. Kurt Reumann, Journalist, Frankfurt am Main; Heinz Piontek, Schriftsteller; Dr.Dr. Richard Reichensperger, Germanist, Wien; Prof. Dr. Werner Ross, Schriftsteller, München; Dr. Gerhard Ruiss, Schriftsteller, Vors. der IG Autoren Österreichs; Ulrich Schacht, Schriftsteller; Rafik Schami, Schriftsteller; Frank Scheffter, Verlag Hoffmann und Campe; Albert von Schirnding, Schriftsteller und Pädagoge, München; Klaus Schöffling, Verleger, Frankfurt am Main; Prof. Dr. Albrecht Schöne, Germanist, Universität Göttingen; Dr. Renate Schostack, Schriftstellerin; Thomas Schröer, Deutschlehrer, Weilheim; 27 Schülerinnen und Schüler der Klasse 8d des Gymnasiums Weilheim; Dr. Heimo Schwilk, Journalist, Welt am Sonntag; Edgar Selge, Schauspieler; Juergen Serke, Schriftsteller; Prof. Dr. Kurt Sontheimer, Politologe; Franziska Sperr, Schriftstellerin; Prof. Dr. Karl Stocker, Germanist, München; Prof. Dr. Joachim Storck, Germanist, Freiburg i.Br.; Prof. Johano Strasser, Schriftsteller; Prof. Dr. Ingrid Strohschneider-Kohrs, Germanistin, Gauting; Cyril Taffin de Tilques, Germanist, Bordeaux; Benedikt Taschen, Verleger, Koeln; Dr. Joachim Unseld, Verleger; Guntram Vesper, Schriftsteller; Dr.Dr. Fred Wagner, Germanist, University College, London; Dr. habil. Volker Wahl, Direktor des Thüringischen Hauptstaatsarchivs, Weimar; Franziska Walser, Schauspielerin, München; Martin Walser, Schriftsteller; Ingo F. Walther, Kunstbuchautor und -herausgeber, Alling; Dr. Roger Willemsen, Moderator, ZDF; Prof. Dr. Reinhard Wittmann, Buchwissenschaftler, Universität München; Dr. Winfried Zehetmeier, Oberstudiendirektor a.D., Gauting; Prof. Dr. Bernhard Zeller, ehem. Direktor des Deutschen Literaturarchivs, Marbach a. Neckar.

Dichteraufstand gegen die Rechtschreibreform

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INSTITUT FÜR DEUTSCHE SPRACHE

Presse-Information, 15. Oktober 1996

Was manche Schriftsteller alles nicht wissen

Mit Verwunderung nimmt das Institut für deutsche Sprache die verbalen Aufgeregtheiten zur Kenntnis, mit denen zur Zeit Schriftsteller auf die in den deutschsprachigen Ländern längst beschlossene und an der Mehrzahl deutscher Schulen bereits praktizierte Neuregelung der deutschen Rechtschreibung reagieren. Auffällig ist, dass die vorgebrachten Argumente nur gelegentlich mit Rechtschreibung zu tun haben und sich vielfach widersprechen. Auch findet sich unter ihnen nicht ein einziges, das in den vergangenen 12 Jahren nicht eingehend und zumeist auch öffentlich diskutiert worden wäre. Deutlich werden allenthalben verschwommene emotionale Vorbehalte. Mehrere Schriftsteller bekennen rundheraus, dass sie von den Inhalten der Reform nicht viel wissen, nie ein Rechtschreibwörterbuch besessen haben, sich ohnehin auf ihre Lektoren verlassen oder eine Rechtschreibung nach eigenem Gutdünken pflegen. Dennoch wollten sie gefragt sein. Und das wurden sie auch. 1993 antworteten auf eine entsprechende Anfrage des Bundesinnenministeriums und der Kultusministerkonferenz jedoch weder die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung (Darmstadt) noch das P.E.N.-Zentrum. Lediglich der Freie Deutsche Autorenverband nahm Stellung. Er signalisierte lebhafte Zustimmung zu den bereits publizierten und allen zugänglichen Reformvorschlägen.

Nicht bekannt sind den jetzt protestierenden Schriftstellern offenbar eine Reihe wichtiger Fakten. Nirgends wird erwähnt, dass das Institut für deutsche Sprache 1987 einen staatlichen Auftrag zur Erarbeitung der wissenschaftlichen Grundlagen für eine Neuregelung der Rechtschreibung erhielt, der 1991 noch einmal bekräftigt wurde. Diesen Auftrag haben namhafte Sprachwissenschaftler aus Deutschland, Österreich und der Schweiz erfüllt. Von einer "weitgehend anonymen Expertengruppe" kann also nicht die Rede sein. Auch weiß man nichts von den mehr als 1.300 einschlägigen Publikationen, die Rechenschaft ablegen über alle Untersuchungen, die zu der jetzigen Neuregelung geführt haben. Man unterschlägt, dass es zahlreiche Konferenzen und Arbeitssitzungen, auch unter Beteiligung von Vertretern wichtiger Interessengruppen, und immer wieder eine breite öffentliche Diskussion gab.

Es ist erstaunlich, dass Schriftsteller, denen man eine besonders wache Wahrnehmung nachsagt, so bereitwillig eine Erklärung unterschreiben, die nachweislich Unrichtigkeiten und Verdrehungen enthält.

Mit falsch verstandener "Sorge um die deutsche Sprache" und Panikmache ist jedoch niemandem geholfen. Neuregelung der deutschen Rechtschreibung bedeutet vor allem Beseitigung einer begrenzten Zahl bisher bestehender Ausnahmen und Widersprüchlichkeiten bei gleichzeitiger Wahrung der Schreibtradition. Es geht also nicht einmal um die Rechtschreibung insgesamt, geschweige denn um die Sprache in der Gesamtheit all ihrer Aspekte. Die orthographischen Sorgen der Schriftsteller sind vermutlich nur Symptom für vielerlei Missbefindlichkeiten, die mit Rechtschreibung wenig zu tun haben.



Die folgenden E-Mails spiegeln in Auszügen die Diskussion um die "Frankfurter Erklärung" in der Newsgroup de.etc.sprache.deutsch wider.

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Empfaenger : /de/etc/sprache/deutsch Absender : Klaus_Walter@magicvillage.de (Klaus Walter) Datum : Mo 07.10.96, 08:55 Wieso koennen sich Grass & Co nicht auf das konzentrieren, was sie koennen, naemlich mit der deutschen Sprache umgehen. Wieso muessen die jetzt auch noch die Volkswirtschaftlichen Folgen, und dabei insbesondere die Kostenseite, bemuehen.

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Empfaenger : /de/etc/sprache/deutsch Absender : Andreas_Kleinke@magicvillage.de (Andreas Kleinke) Datum : Mo 07.10.96, 13:34 (erhalten: 07.10.96) Na, als Argument ist das aber ein bißchen schwach. Nur weil das nicht in ihren Zuständigkeitsbereich fällt, heißt das doch nicht, daß ihnen das sch...egal sein soll? Sie wollen ja mit der deutschen Sprache umgehen, und jetzt sollen ihnen ihre Werkzeuge kaputt gemacht werden. Oder zumindest ohne erkenntlichen Grund so umgebaut werden, daß sie sich erst wieder an ihren neuen Gebrauch gewöhnen müssen. Wenn also nicht die, die beruflich mit der deutschen Sprache umgehen, gegen diese Reform aufbegehren - wer zum Teufel denn dann? Und wie gesagt, das Argument, daß es im Moment vielleicht doch ein bißchen teuer kommt, ist in meinen Augen gar nicht so an den Haaren herbeigezogen.

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Empfaenger : /de/etc/sprache/deutsch Absender : borcher@ira.uka.de (Malte Borcherding) Datum : Mo 07.10.96, 12:55 Naja, nur was ich nicht verstehe: Was soll das jetzt noch? Der Aufruf kommt zu spät. Die Wörter- und Schulbücher sind gedruckt. Die "literarischen Werke" müssen ja nicht sofort neu gedruckt werden; sie sind eben in der alten Schreibung geschrieben - na und? Mir kommt das eher vor wie ein Nachklapp einiger beleidigter Leberwürste.

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Empfaenger : /de/etc/sprache/deutsch Absender : salzer@bnet.co.at (SALZER Wolfgang, Prof.) Datum : Mo 07.10.96, 13:12 Hätten Autoren zur Zeit der letzten großen Reform (1901!!) ebenso und erfolgreich argumentiert wie einige Poeten unserer Tage, wir müßten heute noch so schreiben wie in den ersten Duden-Ausgaben festgelegt. Wir können froh sein, daß uns das erspart geblieben ist. Kosten als Argument für das Festhalten am Gewohnten ist ein erzkonservativer Aspekt, so viel Entwicklungsgegnerschaft hätte ich einigen der Autoren gar nicht zugetraut. Sie dürfen ja an der liebgewonnenen Schreibung festhalten, sie bleiben - zumindest dem Wortlaut nach - auch in Zukunft verständlich!! (Hat doch kaum wer mit einem Original des letzten Jahrhunderts Schwierigkeiten!) Und außerdem, künftigen Schülern werden einige Fallstricke erspart bleiben, das allein ist die Reform schon wert!

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Empfaenger : /de/etc/sprache/deutsch Absender : messner@informatik.uni-ulm.de (Jochen Messner) Datum : Mo 07.10.96, 18:45 (erhalten: 08.10.96) Diese "Attacke" schadet allerdings auch dem Ansehen der Verfasser. Schliesslich koennte man von renomierten Schrifstellern mehr als ein Standardargument ("wirtschaftliche Lage"), erwarten. Und nicht einmal die Begruendung ist stichhaltig, denn "Schulbücher, Lexika und literarischen Werke" werden sowieso laufend neu gedruckt. Warum "saemtliche ... literarische Werke" neu gedruckt werden muessen versteh' ich sowieso nicht. (Es haette natuerlich gewisse Vorteile, wenn zumindest die schon vergriffenen Werke wieder aufgelegt wuerden, daran hatte bei der letzten Rechtschreibreform niemand gedacht.) Wenn "prominente Schriftsteller" ein solch unausgegorenes Statement abgeben schadet dies natuerlich "dem Ansehen der deutschen Sprache im In- und Ausland". Man kann nur hoffen, dass es nicht von vielen gelesen wird ;-) Gruss Jochen P.S. was das Ansehen der deutschen Sprache angeht -- wie ist es denn?

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Empfaenger : /de/etc/sprache/deutsch Absender : Jan_Kausch@magicvillage.de (Jan Kausch) Datum : Mo 07.10.96, 20:01 Die Reform ist nur für Schulen und Behörden ab 2005 verbindlich. Das scheint mir eigentlich reichlich Zeit, um Bücher und Formulare über die normale Fluktuation auszutauschen. Schriftsteller, Journalisten, Briefeschreiber, Wortklauber und Erbsenzähler, die "irgendwer" und "irgend jemand" für eine besonders schätzenswerte Nuance der Deutschen Sprache halten, bleibt es unbenommen daran auch weiterhin festzuhalten. Ebenfalls verwirrt mich die Annahme, die nicht nachvollziehbare Schreibweise von "Auto fahren" und "radfahren" würde uns im Ausland zu besonderer Anerkennung gereichen. Oder irgendein Japaner oder Franzose würde mitleidig und enttäuscht auf uns herabblicken, weil Thunfisch nicht mehr mit "h" geschrieben wird. Schließlich verwirrt es mich, daß die ganze Rechtschreibreform so hervorragend geheimgehalten worden sein muß. Anders ist es wohl nicht zu verstehen, daß die Erklärung erst kam als der Staatsvertrag unterschrieben war und auch endlich die Frankfurter Buchmesse begonnen hatte. Da fällt mir ein, daß Siegfried Lenz sogar eine Volksabstimmung gefordert hat. Weil das die ganze Sache so ungemein billig macht, oder weil es sich bei der Änderung einiger Rechtschreibregeln um einen so immens wichtigen Vorgang handelt? Mir scheint diese Frankfurter Erklärung wohl der größte Ausdruck von Verwirrtheit in dieser ganzen Rechtschreibreformdebatte zu sein.

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Empfaenger : /de/etc/sprache/deutsch Absender : Otto.Stolz@Uni-Konstanz.de (Otto Stolz) Datum : Mo 07.10.96, 16:02 Die Unterzeichner haben die langen Übergangsfristen vergessen (oder Übersehen), die ausdrücklich zur Lösung dieses Problems eingeplant worden sind. Zunächst müssen nur die Schreib- und Leselernmaterialien neu gedruckt werden. Alle anderen Schulbücher können nach ihrem normalen Verschleiß durch Bücher in der neuen Schreibweise ersetzt werden. Der Erlaß des baden-württembergischen Kultusministers sieht für die übrigen Schulbücher ausdrücklich längere Ersatzfristen vor, um den Aufwand zur Erneuerung der Schreib- und Leselernbücher auszugleichen; ich nehme an, daß die anderen Länder ähnlich vorgehen. Auch Formulare und andere amtliche Druckwerke sollen normal aufgebraucht werden. Für literarische Werke gibt es überhaupt keine Fristen. Jeder Verlag kann die neue Rechtschreibung für jedes Buch einzeln einführen, wann es ihm beliebt. Eine geänderte Orthographie tut, bis auf seltene Ausnahmen (besondere, auf der Schreibweise beruhende Wortspiele; Dada-Gedichte) einem literarischen Werk keinerlei Abbruch. Übrigens hat Goethe selbst noch erlebt, dass seine frühen Werke in veränderter Schreibweise aufgelegt wurden, und fand das ganz in Ordnung (so stand's jedenfalls mal hier in d&sd zu lesen); heute lesen wir den Faust in der Orthographie von 1901 und finden ihn immer noch gut. > schade dem Ansehen der deutschen Sprache im In- und Ausland Das glaube ich nicht. Dagegen würde ein plötzlicher Rückzieher von den Wiener Vereinbarung ganz sicher dem Ansehen der deutschen Politik und wohl auch dem der deutschen Sprache schaden. > und koste mehrere Milliarden Mark, Ich weiß nicht, was die Reform bisher gekostet hat (Beratungen, Wiener Abkommen, Verbreitung der amtlichen Regeln, Einrichtung der ständigen Arbeitsgruppe beim IDS), aber sicher ist das besser, als einem einzigen privaten Verlag die Regelung und Weiterentwicklung der Rechtschreibung kritiklos und ohne Kontroll- und Korrektur- möglichkeit zu übertragen (so war's nämlich bisher). Allein die Fortentwicklung der Rechtschreibung durch den Duden-Verlag hat bisher jede Schule und jeden Lehrer dazu verpflichtet, stets die neueste Auflage des Rechtschreib-Dudens zu kaufen. Wer redet von diesen Kosten? Wg. zukünftiger Kosten für Schulbücher, amtliche Drucksachen und Literatur, vgl. oben. (Weitgehend kostenneutral) Bleiben die Wörterbücher. Man sollte als Normalbürger nicht den Fehler machen, nun sofort und unkritisch neue Rechtschreibbücher zu kaufen, zumal der neue Duden nicht überall gelobt wird (viele Autoren halten den Bertelsmann für besser; ich persönlich warte auf den neuen Wahrig, ehe ich mich entscheide, ob ich überhaupt ein neues Wörterbuch kaufe). Die amtlichen Regeln und das amtliche Wörterverzeichnis genügen für die nächsten paar Jahre vollauf; insbesondere Grundschullehrer werden damit ohne zusätzliches Wörterbuch auskommen. (Keine Mißverständnisse bitte: ich selbst bin weder Lehrer noch Sprach- gelehrter, lediglich ein interessierter deutscher Muttersprachler.) > Sie sei in den meisten Punkten nicht notwendig, in vielem bedeute > sie sogar eine Verschlechterung. Das ist Ansichtssache. Ohne eine genaue Auflistung der strittigen Punkte kann man dazu aber keine Stellung nehmen. Ich hoffe, daß die Frankfurter Erklärung die Punkte genau aufzählt, die als unnötig oder Verschlechterung angesehen werden, sonst müßte ich sie als unredlich einstufen. > Außerdem seien nur 0,05 Prozent eines durchschnittlichen Textes > betroffen, wenn man von der neuen ss-Regelung absehe. Warum dann die Aufregung? Zur Erinnerung: es handelt sich bei der Reform um eine Rechtschreib- regelung, nicht etwa um eine Sprachregelung. Außerdem bleibt es jedem Schriftsteller unbenommen zu schreiben, wie er mag, oder die Schreib- weisen dem Verlag zu überlassen. Wer die Adresse von Günter Grass, Martin Walser, Siegfried Lenz, Kurt Sontheimer, Ernst-Dieter Lueg, Roger Willemsen, Herbert Heckmann oder sonst einem Unterzeichner kennt (egal ob Elektro- oder Schneckenpost), darf diese Nachricht gerne weiterleiten. Über eine sachliche, fundierte Diskussion würde ich mich freuen, nicht dagegen über eine unspezifische, aus allgemeinem Unbehagen gespeiste Attacke.

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Empfaenger : /de/etc/sprache/deutsch Absender : salzer@bnet.co.at (SALZER Wolfgang, Prof.) Datum : Mo 07.10.96, 20:41 (erhalten: 08.10.96) Erhebt sich nicht auch die Frage, warum die Herren Autoren mit ihrem Auftritt ausgerechnet bis zur Buchmesse gewartet haben? Publicity-Gag oder echtes Anliegen? Wo waren die Wortmeldungen, als vor beinah einem Jahr die Reform an den berüchtigten "Fremdwort-Einsprüchen" einiger Kultusminister im letzten Moment verschoben werden musste und der Duden-Verlag eine ganze Auflage einstampfen ließ? Bekanntlich wurde das zwischenstaatliche Abkommen am 1.7. unterschrieben, auch schon mehr als ein Vierteljahr her. Drängt sich nicht auch der Verdacht auf, elitäre Sprachbeherrscher wären den Niederungen des alltäglichen Sprachgebrauchs schon so weit entflohen, dass sie Erleichterungen für Lernende und auf Sprachkorrektheit Angewiesene eher als zu vernachlässigende Größe betrachten? Aus der Praxis eines Deutschlehrers lässt sich jedenfalls behaupten, dass gerade die Bereiche der Rechtschreibung durch die Reform erleichtert wurden, die Schülern jeder Altersstufe die meisten Schwierigkeiten bereiten. Im TV ließ sich heute der Präsident des PEN-Klubs vernehmen, der diese Erklärung unterschrieben haben will, weil sie ihm zu wenig weit geht. Da sollten die Herren aber schon an einem Strang ziehen, wenn sie etwas bewegen wollen! Außerdem: Verhandelt wurde Jahrzehnte lang, eine radikalere Veränderung bis hin zur völligen Kleinschreibung (nach Meinung vieler Fachwissenschaftler ohnehin das vernünftigste Ziel) oder die völlige Abschaffung des 'ß' waren - nach Auskunft des österreichischen Hauptbeteiligten - vor allem aus politischen Gründen und besonders in Deutschland nicht durchsetzbar (vergleiche die ss-Schreibung in der Schweiz); die Masse der Bürger hat's eben nicht gern, wenn ihr Gewohntes verändert, sie selbst zur Anpassung gezwungen wird. Und Politiker sind in sprachlichen Belangen noch selten mutige Vorreiter gewesen, da ist ihnen das "Dem Volk nach dem Maul Reden" schon wichtiger. Die jetzige Irritation der Unterzeichner der "Frankfurter Erklärung" halte ich auch deswegen für wenig glaubwürdig, weil sie alle viele Jahre Zeit gehabt hätten, ihren Einfluß in die Reform einzubringen - jetzt von einer Schädigung des Ansehens der deutschen Sprache zu lamentieren ist reichlich spät. Außerdem beweisen Texte aus den letzten 500 Jahren, daß es nicht von der Rechtschreibung abhängt, welches Ansehen der Sprache zukommt, das sollten arrivierte Autoren am besten wissen.

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Empfaenger : /BSNUFR/SCHULE.ALLGEMEIN (All) Absender : akapune@alde.so.nw.schule.de (49:860/999.0) (Albert Kapune) Datum : Di 08.10.96, 19:51 ...Fehlt nur noch der anschliessende Untergang des christlichen Abendlandes :-) Ich fuer meine Person bin *sehr* froh, dass diese zaghafte Reform einen Teil der Ungereimtheiten der deutschen Sprache beseitigen wird.

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