DAS MÄRCHEN VON DEN ZU HOHEN BENZINPREISEN   


Derzeit wird über E-Mail im Schneeballverfahren, durch eine Art
elektronischen Kettenbrief also, ein Appell verbreitet, am 30. April die
Tankstellen zu boykottieren, um auf diese Weise gegen die angeblich zu
hohen Benzinpreise zu protestieren; zugleich hetzt der ADAC mit der Kampagne "Jetzt
reicht's" die Öffentlichkeit gegen die seiner Meinung nach
ungerechtfertigt hohe Mineralölsteuer auf.

Dieser Versuch, durch eintägigen (!) Verzicht auf das Benzintanken
niedrigere Spritpreise durchzusetzen, ist in etwa so absurd, als ob
Drogensüchtige durch Drogenboykott ihre Dealer zu Preissenkungen
veranlassen wollten. Bereits die Formulierung des Aufrufs,

"Tanken Sie vor oder nach dem 30.April 2000 aber:
              TANKEN SIE AM 30.APRIL 2000 KEINEN TREIBSTOFF !!"

enthüllt die ganze Armseligkeit und Halbherzigkeit eines solchen
Unterfangens. Die beste Methode, die Macht der Ölkonzerne zu brechen,
besteht nicht in kurzatmigen Boykottaufrufen, sondern darin, sich der
süßen Benzinsucht so weit wie möglich und nachhaltig zu entwöhnen - so
schmerzlich das auch (zunächst!) erscheinen mag. Eine angemessene Reaktion
auf steigende Benzinpreise wäre es daher, verbrauchsarme Autos zu kaufen,
eine sparsamere Fahrweise zu praktizieren und so weit wie möglich auf
Fahrrad, Bus & Bahn oder die eigenen Füße umzusteigen - gesünder und
nervenschonender wäre es allemal.

Ziel dieser Mail ist es daher, die so populäre Forderung nach niedrigeren
Benzinpreisen kritisch unter die Lupe zu nehmen. Tatsächlich liegt nämlich
in einer Verteuerung von Benzin bzw. allgemeiner von Energie einer der
Schlüssel nicht nur zur Bewältigung unserer Umweltprobleme, sondern auch
zur Überwindung der Massenarbeitslosigkeit. Das glauben Sie nicht? Dann
lesen Sie bitte aufmerksam weiter!

Schicken Sie diese Mail bitte weiter an Ihre Freunde und Bekannten, um
auch sie über die wahren Zusammenhänge aufzuklären! Tragen auch Sie dazu
bei, eines der weitverbreitesten und hartnäckigsten Vorurteile abzubauen!
 

  Für eilige Leser zunächst eine Zusammenfassung der Kernthesen:

1. Bezogen auf die Kaufkraft ist Benzin so billig wie vor den Ölkrisen.
2. Spritsparende Alternativen (Drei-Liter-Autos) sind heute schon möglich,
     werden sich aber erst unter dem Druck steigender Benzinpreise durchsetzen.
3. Eine solche Benzinpreiserhöhung kann sozialverträglich, behutsam und
     aufkommensneutral erfolgen.
4. Ein erheblicher Teil des Verkehrs läßt sich durch Fahrgemeinschaften
     einsparen.
5. Die Benzinpreise müssen sich an den Schäden messen lassen, die der
     Autoverkehr anrichtet und die heute überwiegend die Allgemeinheit trägt.
6. Der hohe Benzinverbrauch ruiniert unser Klima.
7. Das ungehemmte Verprassen der fossilen Ressourcen ist verantwortungslos
     gegenüber künftigen Generationen.
8. Niedrige Treibstoffpreise begünstigen unsinnige und überflüssige
     Transporte.
9. Steigende Benzin- und Energiepreise bei gleichzeitiger Entlastung der
     Arbeit von den Lohnnebenkosten sind die große Chance, die permanente
     Ersetzung menschlicher Arbeit durch billige und hocheffektive
     "Energiesklaven" zu stoppen und die Arbeitslosigkeit wirklich in den Griff
     zu bekommen.
10. Ein umweltverträgliches Verkehrssystem mit verbrauchsarmen Autos und
     intelligentem Verkehrsmanagement könnte ein großer Exportschlager werden.
 
 

  Zu 1.:
Die Benzinpreise sind keinesfalls inakzeptabel gestiegen:
Inflationsbereinigt ist Benzin etwa so billig wie vor der ersten Ölkrise
1973! Auch die jährliche Erhöhung um 6 Pf pro Liter im Zuge der
Ökosteuerreform geht nur wenig über die Inflationsrate hinaus. Wäre der
Benzinpreis wie der Brotpreis gestiegen, so würde Benzin heute über 4 DM
pro Liter kosten.

  Zu 2.:
Unser hemmungsloser Benzinverbrauch ist keineswegs ohne Alternative: Das
Drei-Liter-Auto ist bereits heute technisch machbar, nicht nur als teure
Einzelanfertigung, sondern in Serienproduktion; Greenpeace hat dies mit
dem Smile - einem umgebauten Renault-Twingo - vorgemacht, der nur 2,5
Liter auf 100 km benötigt. Langfristig können und müssen die fossilen
Treibstoffe durch Bioöle aus nachwachsenden Rohstoffen und vielleicht auch
solaren Wasserstoff ersetzt werden. Bei den derzeitigen relativ niedrigen
Benzinpreisen fehlt freilich fast jeder finanzielle Anreiz, ein
sparsameres Auto zu kaufen: Autos mit einem Spritverbrauch von 8 Litern
auf 100 km sind die Norm. Erst ein stetig steigender Benzinpreis wird die
Autoindustrie zwingen, Sprit-Sparautos zu bauen. Aufgrund der gewaltigen
Einsparpotentiale beim Verbrauch muß Autofahren nicht einmal wesentlich
teurer werden als heute: Wenn der Verbrauch von 8 Litern auf 3 Liter pro
100 km sinkt, kann der Benzinpreis sogar auf die gefürchteteten 5 DM pro
Liter steigen, ohne daß die Autofahrer stärker belastet würden.

  Zu 3.:
Viele Leute fürchten, durch eine solche Benzinpreiserhöhung würde
Autofahren unbezahlbar, so daß nur noch einige Reiche ein Auto nutzen
könnten. Mit dieser Sorge wird bewußt Panik gemacht. Tatsächlich
beabsichtigt aber niemand, den Spritpreis über Nacht auf 5,- zu erhöhen.
Vielmehr geht es darum, ihn in jährlichen kleinen Schritten anzuheben, um
der Wirtschaft und den Bürgern Zeit zu lassen, sich an die geänderten
Verhältnisse anzupassen. Ein Preis von 5 DM pro Liter wäre nach den
gängigen Ökosteuerkonzepten erst nach 10 oder 15 Jahren erreicht. Die
rot-grüne Ökosteuer beschränkt sich gar auf zaghafte 6 Pf / Liter
jährlich, was nur wenig über der Inflationsrate liegt. Die Einnahmen aus
den höheren Benzinsteuern verschwinden zudem nicht in der leeren
Staatskasse, sondern werden durch die Senkung der Rentenbeiträge an die
Verbraucher zurückgegeben. Dieses Prinzip der Aufkommensneutralität ist
ein wesentliches Merkmal der ökologischen Steuerreform: Die Besteuerung
der Energienutzung bzw. des umweltschädigenden Verhaltens soll dem Staat
keine neue Einkommensquelle erschließen, sondern in vollem Umfang an die
Bürger und die Wirtschaft zurückgegeben werden.

  Zu 4.:
Nicht nur durch spritsparende Motoren läßt sich der Benzinverbrauch
drastisch reduzieren: Für die meisten Menschen bedeuten Mobilität und
"Freiheit", allein in einem Auto zu fahren (bzw. im Stau zu stehen): Bei
80% aller Strecken sitzt nur eine Person im Auto - die ineffizienteste
Nutzung, die man sich vorstellen kann. Durch die Bildung von
Fahrgemeinschaften, z.B. zum Arbeitsplatz, kann jeder einzelne viel zur
Verkehrs- und Schadstoffvermeidung beitragen.

  Zu 5.:
Die Autofahrer sind keineswegs, wie oft zu hören, die "Melkkühe der
Nation": Mit dem Argument, daß von 85 Millionen DM Einnahmen aus der
Mineralölsteuer nur 35 Millionen für den Straßenbau verwendet werden, wird
vom ADAC suggeriert, der Staat sei den Autofahrern 50 Milliarden DM
schuldig. Aber natürlich ist Straßenbau nur ein Teil dessen, was Staat und
Gesellschaft an Kosten für den Autoverkehr aufbringen: Man darf nicht die
vielfältigen Umwelt- und Gesundheitsschäden vergessen, die das Auto
anrichtet. Wäre es nicht nur recht und billig, wenn diese Kosten, die
heute von der Allgemeinheit beglichen werden, gemäß dem Verursacherprinzip
den Autofahrern auferlegt würden? Die niedrigen Treibstoffpreise stellen
in Wahrheit eine gigantische Subvention dar: Allein die ungedeckten
Schäden durch den heutigen Autoverkehr in Deutschland werden auf 200
Milliarden DM geschätzt. Dazu zählen: Gesundheitsschäden bei Kindern durch
Ozon, gesundheitliche Folgen durch Lärmbelästigungen, Verkehrstote und
Verletzte, Waldschäden, Flächenversiegelungen durch Straßenbau mit der
Folge von Hochwasserschäden etc... Würden die Kosten für die Beseitigung
der ökologischen und sozialen Folgeschäden unseres Benzinkonsums auf die
Preise umgelegt, würde Benzin (laut Klaus Töpfer) mindestens 5 bis 6 DM
pro Liter kosten!

  Zu 6.:
Noch völlig unkalkulierbar sind die Kosten, die durch die
Klimaveränderungen infolge des Treibhauseffekts auf uns zukommen: Durch
das hemmungslose Verbrennen fossiler Energieträger wie Erdöl oder Kohle
nimmt Kohlendioxid in der Atmosphäre überhand. Etwa 20% des zusätzlichen
CO2 gehen auf das Konto der über 500 Millionen Automobile weltweit - mit
steigender Tendenz. Einige der nur zu gern verdrängten Folgen: Bis 2100
ist mit einer mittleren Temperaturerhöhung um ca. 4°C zu rechnen. Dies
hört sich eher unspektakulär an, wird aber die Verschiebung ganzer Klima-
und Vegetationszonen zur Folge haben. Das eigentlich Dramatische ist
jedoch nicht so sehr die Erwärmung an sich, sondern die unabsehbaren
Auswirkungen auf das Klimagleichgewicht: Der Temperaturanstieg wird an den
Polen wesentlich stärker sein als am Äquator. Dies wird zu einer
Nivellierung des globalen Temperaturgefälles führen, welches unser
gegenwärtiges Klima prägt. Wind- und Meeresströmungen werden sich
verlagern oder verschwinden. So könnte der Golfstrom, die "Wärmepumpe
Europas", zum Erliegen kommen. Die Wüstenausbreitung wird sich
beschleunigen. Durch das Abschmelzen des Inlandseises wird der
Meeresspiegel um etwa 30 cm bis 1 m ansteigen. Einige südostasiatische
Inselstaaten werden komplett versinken. Da fast ein Drittel der Menschheit
in einem 60 km breiten Streifen entlang der Küsten wohnt, wird durch
Überschwemmungen eine Völkerwanderung nie gekannten Ausmaßes ausgelöst
werden. In den reicheren Ländern wird es zu einer Invasion von
Umweltflüchtlingen kommen; die Auswirkungen der Klimakatastrophe können
somit auch soziale Unruhen, politische Instabilität und militärische
Konflikte auslösen. Experten schätzen, daß der Treibhauseffekt in den
nächsten dreißig Jahren allein die Versicherungen rund 900 Milliarden
Dollar kosten wird! Über die Gefahren des Treibhauseffekts herrscht ein
breiter Konsens unter den Wissenschaftlern; geleugnet wird die Bedrohung
nur noch von einigen amerikanischen Klimaforschern im Dienste der
Ölwirtschaft. Seit Beginn der industriellen Revolution hat sich die
Temperatur bereits um etwa 0,7°C erhöht; die CO2-Konzentration ist von 280
ppm (= parts per million) auf mittlerweile 360 ppm angestiegen. Bereits
heute ist eine deutliche Zunahme von Stürmen, Überschwemmungen und anderen
Klimaextremen sowie ein Abschmelzen der Gletscher in der Arktis und in den
Alpen zu beobachten.

  Zu 7.:
Durch unseren gedankenlosen Umgang mit den fossilen Ressourcen
hinterlassen wir künftigen Generationen nicht nur ein ruiniertes Klima,
sondern auch leere Tresore an Naturschätzen: Selbst bei nicht weiter
anwachsendem Verbrauch werden die heute bekannten Erdölvorräte bis etwa
zum Jahr 2040 erschöpft sein. Unerheblich hierbei ist, daß vielleicht noch
immense Vorräte unentdeckt sind, daß die Ressourcen z.T. sogar schneller
entdeckt als verbraucht werden: Die Gesamtmenge der auf der Erde
vorhandenen fossilen Ressourcen kann dennoch nur abnehmen; der angesehene
Physiker Hans-Peter Dürr spricht treffend von einer "Bankräubermentalität"
und sieht in der Ausbeutung der fossilen Ressourcen nichts anderes als die
"Investition von immer besseren, raffinierteren und meist auch teureren
Schweißgeräten, mit denen immer dickwandigere Tresore, gefüllt mit großen,
in der Vergangenheit angesammelten natürlichen Schätzen, aufgebrochen
werden." Wesentlicher als die Frage, ob die Reichweiten einige Jahrzehnte
länger oder kürzer sind, ist die ungeheure Geschwindigkeit, mit der wir
die fossilen Ressourcen verbrennen: In etwa 300 Jahren verbrauchen wir
Schätze, zu deren Entstehung die Natur 300 Millionen Jahre benötigt hat;
umgerechnet auf vertrautere Zeitmaßstäbe verhalten wir uns wie jemand, der
sein in einem 75jährigen Leben angehäuftes Vermögen innerhalb von 40
Minuten verprassen würde! Dabei dürfen wir zum Schutze des Klimas nicht
einmal mehr alle heute bekannten fossilen Ressourcen verbrennen, sondern
nur noch maximal ein Viertel! Wir müssen daher endlich begreifen, daß die
vermeintlich goldenen Zeiten, in denen wir die Natur als
Selbstbedienungsladen betrachtet haben, unwiderruflich vorbei sind, daß
die Preise die ökologische Wahrheit sagen müssen.

  Zu 8.:
Niedrige Benzinpreise bedeuten niedrige Transportkosten, die gegenüber den
Arbeitskosten kaum ins Gewicht fallen. So kann es zu solchem Unsinn
kommen, daß holländisches Gemüse zum Waschen über die Alpen und danach
wieder zurück nach Deutschland gebracht wird - um das Lohngefälle zwischen
Deutschland und Italien auszunutzen. Ein Erdbeerjoghurt hat im Schnitt
3500 km zurückgelegt, bis er auf dem Tisch des Verbrauchers landet. Die
zusätzliche Verkehrsbelastung steht hierbei in keinem Verhältnis zu den
höchstens minimalen (Preis-)Vorteilen für den Verbraucher.

  Zu 9.:
Die Skepsis gegenüber jeglichen Plänen zur Verteuerung von Benzin bzw.
Energie ist bei vielen Bürgern von der Befürchtung gespeist, höhere
Energiepreise oder allgemein mehr Umweltschutz seien ein
"Standortnachteil" und würden zur Abwanderung oder Vernichtung von
Arbeitsplätzen führen. Das Gegenteil ist richtig: Der ökologische Umbau
unseres Wirtschaftssystems ist die große Chance, unsere
Arbeitsmarktprobleme zu lösen! Nicht nur, daß der Umweltschutz bereits
heute etwa einer Million Menschen in Deutschland Arbeit bietet, nicht nur,
daß die Energiewende, also die Ersetzung von Kohle und Atom durch Sonne,
Wind und Biomasse, mindestens eine weitere Million neuer Arbeitsplätze
schaffen kann, die Verteuerung der Energie ist ein wesentlicher Baustein
einer langfristigen Strategie zur Überwindung der Massenarbeitslosigkeit:
Die zentrale Aufgabe ist es, die heutige Unattraktivität des
Produktionsfaktors Arbeit zu überwinden, indem man Arbeit verbilligt und
Energie verteuert. Derzeit liegt in den westlichen Industrienationen der
Anteil der Arbeitskosten an den Gesamtkosten der Produktion bei
durchschnittlich 60 bis 70%, der der Energiekosten dagegen bei unter 5%
(Rest: Kapitalkosten). Genau umgekehrt verhält es sich jedoch, wenn man
danach fragt, welche Beiträge an der Gesamtwertschöpfung den einzelnen
Produktionsfaktoren zugeschrieben werden können, d.h. wie "wichtig" die
einzelnen Faktoren für den Produktionsprozeß sind; ein Maß hierfür sind
die sog. Produktionselastizitäten. Die Produktionselastizität der Arbeit
liegt (vgl. R. Kümmel, "Energie und Kreativität", Teubner-Verlag, Leipzig
1998) derzeit bei unter 15%, die der Energie hingegen bei ca. 60% (Rest:
Anteil des Faktors Kapital). Die Energie ist mittlerweile also unser
bedeutsamster Produktionsfaktor, während die menschliche Arbeitsleistung
im Vergleich dazu nur noch eine eher untergeordnete Rolle spielt. Der
Energieverbrauch in der Bundesrepublik entspricht der Arbeitsleistung von
780 Millionen Schwerstarbeitern; für jeden Bundesbürger arbeiten also
gewissermaßen im Verborgenen 10 "Energiesklaven"! Diese Zahlen machen die
Grundtendenz der wirtschaftlichen Entwicklung in den letzten Jahrzehnten
verständlich: die Ersetzung von teurer und relativ ineffektiver
menschlicher Arbeitskraft durch billige und effektive "Energiesklaven" -
Stichwort Rationalisierung und Automatisierung. Diese Grundtendenz ist es,
die uns zu permanentem Wirtschaftswachstum geradezu zwingt, um nämlich die
"freigesetzten" Arbeitskräfte wieder in den Produktionsprozeß zu
integrieren und einen fortlaufenden Anstieg der Arbeitslosigkeit zu
verhindern - eine Rechnung, die heute, da wir die hohen Wachstumsraten
früherer Jahrzehnte aus verständlichen Gründen nicht mehr erreichen
können, zunehmend weniger aufgeht. Es ist ein gigantisches Versäumnis der
modernen Wirtschaftstheorie, die volkswirtschaftliche Bedeutung der
Energie bisher fast völlig ignoriert zu haben. Hier dürfte einer der
Hauptgründe dafür liegen, weshalb Wirtschaftstheorie wie
Wirtschaftspolitik bei der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit bisher so
grandios versagt haben. Insbesondere ist das neoliberalistische Konzept,
durch angebotsorientierte Wirtschaftspolitik, d.h. Entlastung der
Unternehmen, Investitionen anzuregen, die dann zur Schaffung neuer
Arbeitsplätze führen sollen, völlig ungeeignet: Investitionen fließen
heute nur noch im kleinen Maße in den Faktor Arbeit, in wesentlich
größerem Maße aber in den ungleich ergiebigeren Faktor Energie; auch eine
Entlastung der Unternehmen ändert nichts an der Unrentabilität des Faktors
Arbeit gegenüber der Energie. Arbeitsplätze entstehen aber nicht aus
"karitativen" Motiven, weil sich die Unternehmen diesen "Luxus" aufgrund
ihrer Gewinnsituation gewissermaßen "leisten" könnten, sondern nur dann,
wenn es betriebswirtschaftlich sinnvoll ist - was unter den gegenwärtigen
Rahmenbedingungen nicht der Fall ist: Die (angebliche) fehlende
Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft aufgrund des zu hohen
Lohnniveaus wird oft beklagt, aber der mindestens ebenso bedeutsame
Verdrängungswettbewerb zwischen den Faktoren wird komplett vernachlässigt.
Damit läßt sich auch das oftmals Ratlosigkeit auslösende Paradoxon
erklären, daß der Aufschwung zumeist am Arbeitsmarkt vorbeigeht, daß mit
den Unternehmensgewinnen und Börsenkursen auch die Arbeitslosigkeit
klettert: der Faktor Arbeit hat nur noch untergeordnete Bedeutung und ist
damit von der wirtschaftlichen Gesamtentwicklung bereits in erstaunlichem
Ausmaß entkoppelt. Der Schlüssel für den Abbau der Arbeitslosigkeit liegt
darin, den Faktor Arbeit gegenüber dem Faktor Energie wieder attraktiv zu
machen: Im Augenblick besteuern wir Arbeit und subventionieren Energie,
was sowohl zu hoher Arbeitslosigkeit als auch zur ökologischen Krise
geführt hat, denn von allem, was man mit Steuern belegt, gibt es meist am
Ende weniger, und was man subventioniert, vermehrt sich. Hier setzt das
vielgeschmähte Konzept der ökologischen Steuerreform an: Der Faktor
Energie (allgemeiner: der Umweltverbrauch) wird steuerlich belastet; mit
den Einnahmen aus diesen Ökosteuern wird die Entlastung des Faktors Arbeit
finanziert, im wesentlichen durch Senkung der Lohnnebenkosten. Um auch
diejenigen, die hiervon nicht profitieren (Rentner, Arbeitslose etc.), zu
entlasten, sollte zudem an alle Haushalte eine Art Ökobonus ausgeschüttet
werden. Daß dies bei den von der rot-grünen Bundesregierung initiierten
ersten Schritten der ökologischen Steuerreform nicht vorgesehen ist, ist
ein ernstzunehmendes Manko dieses an sich so wichtigen Projektes.
Selbstverständlich erfolgt die Erhöhung der Energiepreise nur allmählich
in kleinen Schritten über mehrere Jahrzehnte hinweg, um schockartige
Wirkungen zu vermeiden und der Wirtschaft und den Bürgern die notwendige
Zeit zur Anpassung zu lassen. Man mag einwenden, es sei gar nicht
wünschenswert, den hohen Automatisierungsgrad der industriellen Wirtschaft
rückgängig zu machen. Darum geht es aber auch nicht: Das Ziel ist nicht,
nun wieder Maschinen durch Schwerstarbeit verrichtende Menschen zu
ersetzen; es wäre schon viel gewonnen, wenn wir den Faktor Arbeit nicht
länger geradezu erdrosseln würden, wenn es gelänge, die permanente Drift
von der Arbeit zur Energie zu stoppen. Ein wichtiger Effekt hierbei ist
der, daß Reparaturen, die aufgrund der hohen Arbeitskosten bisher
gegenüber dem Kauf eines neuen Gerätes oft nicht konkurrenzfähig waren,
wieder rentabel werden. Das Standardargument gegen die ökologische
Steuerreform sind die angeblichen Standortnachteile für die deutsche
Wirtschaft. Dieses Argument ist allein schon deshalb nicht stichhaltig,
weil die Energiekosten so niedrig sind - weniger als 5% der Gesamtkosten
-, daß eine Verteuerung im Vergleich mit den Arbeitskosten kaum ins
Gewicht fällt; eine Erhöhung der Energiepreise um 25% hat etwa denselben
Kosteneffekt wie eine 2%ige Lohnerhöhung. Schlimmstenfalls kann man
energieintensiven Branchen für eine gewisse Übergangsfrist eine spezielle
Kompensation oder Steuerfreistellung gewähren (wie bei der rot-grünen
Ökosteuer tatsächlich praktiziert), wenngleich dies aus ökologischer Sicht
eigentlich unerwünscht ist. Vor allem aber stehen den Mehrkosten bei der
Energie Entlastungen beim Faktor Arbeit gegenüber, so daß sich an der
Summe der Faktorkosten nichts ändert: lediglich die Verteilung ist eine
andere. Hingegen wird die Ausbreitung neuer, sparsamerer Technologien
(z.B. die oben erwähnten Spritsparautos) und der regenerativen Energien
einen gewaltigen Innovationsschub und eine ungeahnte Stärkung des
"Standorts Deutschland" nach sich ziehen: Der nationale Alleingang, bisher
Schreckgespenst der Wirtschaftspolitiker aller Länder, könnte sich als
großartige Chance erweisen: Das Land gewinnt, das zuerst anfängt.

  Zu 10.:
Für die Automobilindustrie bedeutet dies folgendes: Die Furcht, eine
Erhöhung der Mineralölsteuer würde die Automobilkonjunktur schwächen, ist
unbegründet. Ohnehin hängt nicht - wie häufig behauptet - jeder siebte,
sondern nur jeder 27. Arbeitsplatz am Auto, und aufgrund der
Automatisierung der Produktion werden immer weniger Menschen beschäftigt.
Verbrauchsarme Autos hingegen könnten sich als großer Exportschlager
erweisen - sofern wir erst einmal im eigenen Land ausreichende Nachfrage
zur Markteinführung dieser Technologie geschaffen haben, was nur durch
eine Verteuerung des Sprits möglich ist. Zudem könnten die Autohersteller
künftig verstärkt als Dienstleistungsunternehmen fungieren: als Anbieter
öffentlicher PKWs, im Bereich des intelligenten Verkehrsmanagements oder
als Berater für Güterlogistik. Das technische Know-How der Branche ließe
sich sinnvoll für Katalysatorentechnik in der Industrie, für
Windkraftanlagen oder für Blockheizkraftwerke nutzen, um nur einige
Beispiele zu nennen. All das schafft neue, andere Arbeitsplätze.

Es geht wohlgemerkt nicht darum, den Menschen das Autofahren als solches
zu vermiesen, sondern darum, ein modernes Verkehrssystem anzuregen, das
weniger Schäden an der Umwelt und den Menschen anrichtet, das es uns
gleichzeitig ermöglicht, bequem und ohne endlose Staus dort hinzugelangen,
wo wir hinwollen oder hinmüssen, und das vor allem dazu beiträgt, wieder
Arbeit und Wohlstand für alle zu schaffen.

Noch einmal: Bitte verschicken Sie diese E-Mail weiter! Helfen Sie mit,
die Menschen zum Nach- und Umdenken zu veranlassen! Vielen Dank!

Verfasser: Jürgen Grahl, grahl@mathematik.uni-wuerzburg.de
 
 


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  ANHANG: DER TEXT DES PROTESTAUFRUFS:

Nicht am 30. April 2000 Tanken!!

Bitte lesen Sie diesen Bericht und schicken Sie ihn weiter; es könnte eine
geniale Aktion werden, wenn alle mitmachen! Dies ist eine Protestaktion
gegen die ständig steigenden Treibstoffpreise!

                    ES BETRIFFT EINEN ALLGEMEINEN AUFRUF
                      AM 30.APRIL 2000 NICHT ZU TANKEN

Die ständigen Preissteigerungen nehmen langsam ein beängstigendes Maß an.
Es ist höchste Zeit für eine Reaktion der Betroffenen. Weltweit steigen
die Treibstoffpreise in absolut inakzeptabler Weise, obwohl Millionen
Fässer bevorratet sind. Nun haben die Ölproduzenten auch noch beschlossen,
ihre Produktion um zwei Millionen Fässer pro Tag zu verringern, um die
Preise künstlich nochmals in die Höhe zu treiben. Alle Betroffenen sind
dringend aufgerufen etwas dagegen zu unternehmen. Stichtag ist der 30.
April 2000. Wenn an diesem Tag nirgendwo getankt wird, kann der Markt
nicht umhin diese Tatsache zur Kenntnis zu nehmen. Wir müssen uns darauf
besinnen, daß auch wir Macht haben; wir sollten sie nur einsetzen. Die
heutigen modernen Kommunikationsmittel ermöglichen es, in kurzer Zeit sehr
viele Menschen von dieser Aktion in Kenntnis zu setzen.

Tanken Sie vor oder nach dem 30.April 2000 aber:
              TANKEN SIE AM 30.APRIL 2000 KEINEN TREIBSTOFF !!

Diese Aktion ist dringend notwendig, um zu zeigen, daß ein paar Millionen
Menschen genug davon haben, sich von den Ölmultis das Geld aus der Tasche
ziehen zu lassen. Machen Sie mit! Sagen Sie es weiter! Schicken Sie diese
Information weiter an Freunde und Bekannte. Helfen Sie mit, den 30. April
2000 zu einem unvergeßlichen Tag zu machen!
 
 

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